Brief an Sophie Scholl: Dret al record

Brief an Sophie Scholl

Liebe Sophie,

erinnerst du dich, als das deutsche Volk in einen tiefen Schlaf fiel? Lediglich die Niederlage erweckte es aus seinem ewigen Schlaf. Demgegenüber warst du wach. Mit dem Beginn des Krieges fiel der Schleier von deinen Augen.

Du allein mit deinen Münchner Kommilitonen riefst unter hohem persönlichen Risiko die Jugend zum Aufstand gegen die totalitäre Diktatur auf. Die erhoffte Reaktion blieb jedoch aus.

Nur in wenigen Großstädten wie Hamburg oder Leipzig gab es Versuche, organisierten Widerstand zu leisten. Ein paar Tausend Jugendliche wandten sich mit Aktionen wie die Ablehnung der Hitler-Jugend, die Verbreitung von ausländischen Meldungen sowie die Aufforderung zum Kampf gegen den Krieg und das NS-Regime. Sie wurden bekannt unter Namen wie „Schlurfs“, „Edelweißpiraten“, „Swing-Jugendliche“, „Meuten“.

Viele ihrer Anhänger wurden auch von der Gestapo festgenommen, gefoltert, mit Gefängnis bestraft oder in Konzentrationslager verschleppt und schlimmstenfalls mit dem Tod geahndet.

Ich wünschte, dass Du diesen aussichtslosen Krieg und diese Zeit überstanden hättest, um das Ende des Albtraums zu erleben. Alles, was ihr in euren Flugblättern verkündetet, wurde leider Wirklichkeit: die Zerstörung Deutschlands, der Völkermord an den europäischen Juden und die Vernichtung aller sittlichen Werte. Wie dein Bruder Hans und Alexander Schmorell schrieben, ist ein Ende mit Schrecken immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende. Vergessen wir nicht, dass das Dritte Reich bekanntlich nicht tausend Jahre dauern sollte, sondern ewig. Leider erlebten Millionen Menschen den Frieden nicht mehr.

Ebenso wie Olympe de Gouges wurdest du zum Tode verurteilt und durch das Fallbeil hingerichtet. Deine Büste ist heutzutage in der Walhalla ausgestellt. Zwar war der Lohn für dein heroisches Mahnen der Tod, jedoch bleibt die Erinnerung an dich unsterblich und gibt uns Mut und Kraft, damit wir die Demokratie und die Menschheit wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System totaler Herrschaft verteidigen.

Wo sind unsere Heldinnen in Spanien? Unter der Erde. Weiße Rosen starben in Straßengräben, Gefängnissen, Massengräbern spanienweit oder weit weg von hier, außerhalb unserer Grenzen, auf dem Weg ins Exil oder umso schlimmer im KZ Mauthausen oder Ravensbrück. Spanische Freiheitskämpfer haben weder Namen noch Gesicht. Sie haben nicht nur kein Recht auf Würde, sondern auch kein Recht auf Erinnerung. Entweder werden sie als Terroristen oder Banditen betrachtet.

Wie heißen unsere Widerstandskämpfer, fragte ich mich. Wann wird die Gedenkstätte spanischen Widerstands eröffnet, wollte ich wissen. Wo fanden die Nürnberger Prozesse in unserer Heimat statt, lautete meine nächste Frage. Warum ruhen Peiniger, Bestien und Mordbuben wie Franco, José Antonio und ihre Helfershelfer in einer nationalen Gedenkstätte der Gefallenen, während ihre Opfer irgendwo verscharrt liegen, wusste ich nicht. Anstatt Täter zu amnestieren, sollte das Abgeordnetenhaus die Freiheitskämpfer rehabilitieren, überlegte ich. Weil wir in einer Demokratie leben, wäre es nicht besser, wenn wir durch die Stadt ohne faschistische Straßennamen promenieren, dachte ich.

Du hingegen, liebe Sophie, bist an jeder deutschen Schule, auf den Straßen unserer Städte, in den Geschichtsbüchern, im kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes. Deinen Widerstand gegen Nazismus, deine Heldentat, dein Lächeln vergessen wir niemals.

Ich hoffte nur, dass Tausende Flugblätter voll Sehnsucht nach Freiheit bald vom Himmel auf Spanien fallen würden.

Liebe Grüße,

Eric Vázquez

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