Madrid: Traum von autofreier Innenstadt

Smog, Lärm und Staus sind unser tägliches Brot. Seit zwei Jahren wohne ich in der spanischen Hauptstadt, aber ich gewöhne mich nicht an den anstrengenden Großstadtverkehr. Ich will darüber schreiben, wie man den bestehenden Zustand ändern könnte. Wir müssen uns die Frage stellen, in welcher Stadt wir leben wollen. Wollen wir unseren Nachkommen einen umweltverschmutzten und chaotischen Ort hinterlassen?

Die ehemalige Bürgermeisterin von Madrid, Ana Botella, berichtete, dass in der Altstadt mehr Fußgängerzonen eingerichtet werden sollen. Sie sagte, dass das Zentrum für die Fußgänger sei, damit es sauberer und umweltfreundlicher werde. Der heftige Wind verwehte Ihre Worte.

Die regierende Bürgermeisterin Manuela Carmena traf die Entscheidung, im letzten Monat einen Volksentscheid mit der Frage abzuhalten, ob mehr Platz für Fußgänger auf der Gran Via nötig ist oder nicht.

In der Diskussion, ob die Gran Via für den Verkehr gesperrt werden soll, werden zwei entgegengesetzte Ansichten vertreten. Die einen sind der Meinung, dass die Verbannung der Autos aus der Innenstadt doch Wahnsinn sei. Sie meinen dass, die Maßnahme den Verkehr zum Erliegen bringen werde. Die anderen behaupten, dass die belebte Straße keine Abkürzung sein solle, wenn man die Stadt zu durchkreuze. Sie wollten eine autofreie Einkaufsstraße zwischen dem Spanierplatz und dem Kybeleplatz.

Für beide Auffassungen lassen sich Argumente anführen. Dagegen spricht, dass die Fußgängerzone die Zufahrt zu privaten Garagen und Abstellplätzen verhindern würde. Leidtragende wären vor allem Anwohner, Mitarbeiter, Lieferbetriebe und Geschäfte in der Nähe sowie Inhaber der privaten Parkplätze. Trotzdem muss man hierbei berücksichtigen, dass je größer die Fußgängerzone wäre, desto mehr Kunden kämen, und zwar aus folgenden Gründen: es würde zahlreiche Investoren anlocken und das könnte die Wohnungen in der Zone aufwerten.

Man kann einen weiteren Nachteil für das Verkehrsverbot nennen. Es könnte sofort einen Stau auf angrenzenden Straßen hervorrufen. Umso schlimmer wäre es, wenn das Problem bloß von einem Bezirk in einen anderen verlagert würde. Ein Argument dafür ist, dass die Gran Via eine der überfülltesten Straßen Spaniens ist. Zehntausende Passanten treffen sich jeden Tag auf der Gran Via. Sie brauchen besonders an Weihnachten und für den Schlussverkauf immer mehr Platz. Hier laufen zwar bis vier U-Bahnlinien zusammen, aber dies reicht nicht aus, um der Großteil der Fahrgäste aufzunehmen. In diesem Fall sollten mehr Busse im Stadtzentrum fahren.

Einer der wichtigsten Vorteile der Verkehrsbeschränkung besteht darin, dass sie nicht nur zur Verbesserung der Luftqualität sondern auch zur Lärmminderung beitragen würde. Die gesperrte Straße würde mittel- und kurzfristig zu Steigerung der Lebensqualität führen.

Die Initiative wäre aus meiner Sicht ein erster Schritt, das Viertel ihren rechtmäßigen Bewohnern und Besuchern zurückzugeben. Stadtplaner Ildefons Cerdà zufolge ist eine Straße keine Landstraße. Die aktuelle Gran Via verbindet die Stadtmitte von Osten nach Westen. Trotzdem teilt sie den Bezirk wie eine Grenze in Norden und Süden.

Wie Hannah Arendt sagte, liegt es einem nicht mehr daran, wie die Welt aussieht, Welt als Raum, in dem man wohnt und der anständig aussehen muss. Es ist unbedingt notwendig, dass wir unsere Städte humanisieren. Wir müssen sowohl den Fußgängerraum als auch unsere Stadt zurückgewinnen, nämlich den Raum, den Menschen in früheren Zeiten hatten. Laut des katalanischen Stadtplanes Jordi Borja wird der physische Raum nicht nur als städtebaulicher Raum, sondern auch als sozialer, kultureller und politischer Raum interpretiert, ein demokratischer und vielfältiger Ort, der für alle offen steht, ein Instrument, damit wir unsere Rechte ausüben und Pflichten erfüllen.

Man sollte dabei aber bedenken, dass eine Aufwertung des Stadtteils auch seine Gentrifizierung mit sich bringen könnte. Nach der Schaffung autofreier Zonen, bin ich davon überzeugt, dass die Stadtverwaltung Parkplätze gegen Barterrassen statt Sitzbänke und Radfahrwege tauschen würde. Aus diesem Grund möchte ich sagen, dass die Gran Via nicht wie ein Einkaufszentrum unter freiem Himmel aussehen würde, weil die Gran Via nicht den Modegeschäften, sondern der Bürgerschaft gehört. In unserer Gesellschaft sollte das Konsumieren den letzten Platz belegen.

Einerseits könnte diese Initiative von Nachbarvereinen, Händlerverbänden und Umweltschutzorganisationen unterstützt werden, andererseits könnte sie auf Widerstand von Automobilklubs, Automobilindustrie und Autoversicherungen stoßen werden. Trotz alledem träume ich davon, dass wir eines Tages eine vollkommen autofreie Innenstadt haben.

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